Die Eiger Nordwand kennen alle, eigentlich. Die Extrembergsteiger Roger Schäli und Christoph Hainz haben trotzdem Neues entdeckt: die Kletter-Route „Magic Mushroom".
Wer das Jubliäum einer Erstbezwingung zum Anlass nimmt, eine neue Route zu gehen und diese dann „Magic Mushroom“ nennt, ist ihm definitiv verfallen – dem Rausch der Berge. 20 Seillängen, 600 Klettermeter, ein Schwierigkeitsgrad von 7c und dann als Belohnung die atemberaubende Freiheit auf dem steilsten Pilz der Welt: Die beiden Extrembergsteiger Roger Schäli und Christoph Hainz vom SALEWA alpineXtrem Team haben den Mythos Eiger neu entdeckt und berichten über ihre neue Route und die berauschende Wirkung, die eine Bergbesteigung mit sich bringt.
"Der Pilz ist einfach ein mystischer Platz", beschreibt Roger Schäli, der nur wenige Kilometer vom Talort des Eiger aufgewachsen ist, die Felsformation. Ähnlich einem Steinpilz erhebt sie sich imposant aus der Nordwand. "Wenn man das erste Mal von der Westwand aus auf den Felspilz blickt, bleibt man mit offenem Mund stehen und staunt, dass dieser Stein dort oben stehen kann", erzählt sein Seilpartner, der Südtiroler Christoph Hainz. Mit einem Durchmesser von etwa drei Metern am unteren und rund zwölf am oberen Ende ragt die außergewöhnliche Felsformation aus der Wand. "Man könnte fast Angst haben, dass der Pilz beim Hochklettern durch das einseitige Gewicht kippen könnte", meint Christoph, "dabei entspricht das Gewicht eines Bergsteigers in Relation dem einer Ameise."
Schon oft sind die beiden Extrembergsteiger von der Magie der Wand gelockt worden. Durchstiege im Winter, im Alleingang und Wiederholungen der bisher schwierigsten Nordwand-Routen finden sich in ihren Tourenbüchern. Der langen und bewegten Geschichte bewusst, scheint keine neue Herausforderung für sie zu groß: "Dass die Eiger Nordwand ernst zu nehmen ist, weiss jeder Bergsteiger. Aber gerade die Tatsache, dass es die Eiger Nordwand ist, motiviert besonders, hier eine neue Route zu eröffnen", beschreibt Christoph seine Motivation. Seilpartner Roger hatte den Pilz schon zu einem früheren Zeitpunkt erkundet und die Route schon länger im Auge. "Irgendwann ist dann die Zeit reif, das Wetter passt und das Erlebnis ist dann einfach großartig", ergänzt er. "Zunächst waren die Verhältnisse eher widrig und ich war lange nicht davon überzeugt, dass das überhaupt funktioniert, Doch als unsere Knie nicht mehr im Neuschnee steckten und die Wand steiler und trocken wurde, fing ich ganz schnell Feuer", erzählt Christoph und Roger lacht: "Und dann ging’s ab durch die Mitte".
20 Seillängen und 600 Klettermeter weiter haben die beiden wie die Erstbegeher ihre neue Tour im klassischen Stil erobert – von unten, jeden Meter frei begehend. "Dabei haben wir keine Sekunde ans Umkehren gedacht", sagt Christoph und Roger fügt hinzu: "Auch wenn mein Kopf einmal wortwörtlich kurz in der Schlinge steckte. Du rutschst ab und dann hängst Du da – das kann schon mal passieren." Besonders erwähnenswert findet Christoph die Felsqualität im rechten Teil der Nordwand: "Die Wand gilt ja eigentlich als brüchig und gefährlich – dagegen ist der rechte Teil ein sehr guter, sehr steiler Fels, der extrem sicher ist."
Nach sechs Tagen Nordwand sind sie am Ziel: Die Bergfreunde stehen auf dem "Magic Mushroom" und erleben den Zauber ihres ungewöhnlichen Geschenks an einen geschichtsträchtigen Berg. Und bei diesem atemberaubenden Erlebnis ist auch die Namensgebung ihrer Route schnell klar - Klettern ist wie eine Droge, die Felsformation in Pilzform hat unwiderstehliche Anziehungskraft. "Die Route ‚Magic Mushroom' zu nennen war daher naheliegend", sagt Roger, "wenn Du erst unten stehst, dann oben, ein Base Jumper kommt Dir wie in Trance entgegen und Du selbst bist voll konzentriert und strebst Stück für Stück dem Ziel entgegen, dann hat das Ganze schon eine berauschende Wirkung."
Roger und Christoph haben die Route mit soliden Bohrhaken bestmöglich abgesichert – als Jubiläumsgeschenk für sich und spätere Wiederholer. "Geschenkt wird der Pilz sicherlich nicht", beurteilt Roger den Schwierigkeitsgrad der Route, die er und sein Freund mit 7c eingestuft haben. "Wer da rauf will, muss ein starker Kletterer sein – das Wetter, die Form, alles muss stimmen." Beide gehen sie davon aus, dass schon im nächsten Sommer reger Kletterbetrieb auf der Route herrschen wird und viele vom Rausch des magischen Pilzes ergriffen werden.
Text: Heidrun Meissner
Fotos: Visual Impact/Thomas Ulrich
Info über die herausragenden Kletter: nächste Seite
Zu Roger Schäli:
Dass Roger Schäli (30) in der Kletter- und Alpinszene nicht nur für seine ausserordentlichen Leistungen respektiert, sondern auch als Mensch akzeptiert wird, hat mit seiner offenen und sympathischen Art zu tun. Schäli drängt sich nicht ständig ins Rampenlicht, zollt auch den Leistungen anderer den gebührenden Respekt und verfügt über ein hohes Mass an Sozialkompetenz. Dass er für den Piolet d’Or, den "Oskar der Alpinisten", nominiert worden ist, verschweigt er am liebsten. Für ihn zählt einzig die Leistung und das Erlebnis am Berg. Die schwierigsten Eis- und Felsrouten dieser Welt sind für ihn keine Bühne, um sich selbst zu inszenieren, sondern vielmehr ein kreatives Tummelfeld, um seine physische Kraft, mentale Stärke und die stupende Klettertechnik bestmöglichst umzusetzen und zu bündeln. Zahlreiche Erstbegehungen sind die Konsequenz daraus, nicht jedoch das primäre Ziel. Schäli Roger ist einer der weltweit besten Allround-Alpinisten. Spezialistentum ist ihm fremd, er ist ein klassischer Allroundalpinist, der im Fels ebenso Höchstleistungen erbringt wie im Eis oder in Mixedrouten. Schälis lange Liste alpinistischer Leistungen ist beeindruckend. Die Erstbegehung des Arwa Spire Central Gipfels (6193 m) sowie des Arwa Spire Westgipfels, Donnafugata am Torre Trieste in den Dolomiten oder Tartaruga in Grönland sind nur einige unter vielen. Als einer der wenigen Alpinisten weltweit hat der sympathische Schweizer Bergführer die berühmtberüchtigte Patagonien-Trilogie aus Torre Egger, Cerro Torre und Cerro Stanhardt geschafft. Noch mehr als all die exotischen Kletterziele, liebt Roger Schäli jedoch die schwierigen Wände der Alpen. Roger Schäli begeistert: "Kaum zu glauben, dass in den Alpen immer noch so viele schöne Routen zu entdecken und erschliessen sind." Wenn es ihm ein Berg ganz besonders angetan hat, dann mit Sicherheit der Eiger mit seiner berühmtberüchtigten Nordwand. Die Wand der Wände hat Schäli bereits über zehn verschiedene Routen und zu jeder Jahreszeit bezwungen.
Wettkämpfe • 2006 1. Platz Internationale Klettermeisterschaft der Bergführer • 2005 3. Platz Schweizer Meisterschaft Eisbouldern • 2004 3. Platz Internationale Klettermeisterschaft der Bergführer • 2004 9. Platz Eiskletter-Weltmeisterschaft • 2001 3. Platz Schweizer Meisterschaft Sportklettern
Christoph Hainz (46) ist einer der weltweit besten Allround-Alpinisten. In einer Zeit der Spezialisierung setzt er bewusst einen Gegenpol und gehört im Fels-, Eis- und Mixedklettern zur Weltspitze. "Weil ich Spaß haben will", wie er selber sagt, "und weil mir schnell langweilig würde, wenn ich ein Jahr lang dieselben Bewegungsabläufe trainieren müsste, um eine einzige schwierige Route zu meistern." Welch herausragende Stellung Christoph Hainz in der internationalen Alpinismus-Szene derzeit einnimmt, das zeigt sich in der Einschätzung Reinhold Messners, der erst gar nicht den Versuch macht, einen griffigen Superlativ zu finden, sondern es bei der ebenso respektvollen wie lakonischen Einschätzung belässt, man habe es hier mit Bergsteigen von "nie dagewesener Art" zu tun. Messner zollt Respekt und zeigt Hainz im Messner Mountain Museum auf Sigmundskron in Bozen – als einzigen der noch lebenden Alpinisten unter den Grossen des Alpinismus. Hainz’ lange Liste alpinistischer Leistungen mit über 2.000 Routen (davon 20 Solobegehungen im VI. Bis VIII . Schwierigkeitsgrad) ist beeindruckend. Zahlreiche schwierige Erstbegehungen in Fels und Eis sind darin zu finden. Besonderes Aufsehen weit über die Alpinszene hinaus erregte Hainz mit seiner legendären Eiger-Nordwand-Solotour im Jahr 2003: In nur viereinhalb Stunden kletterte der Südtiroler allein die 1800 Höhenmeter bis zum Gipfel. Eine Leistung, für die gut trainierte Alpinisten in der Regel zwei Tage brauchen. Dass Christoph Hainz "Leithammel" des internationalen SALEWA alpineXtrem Teams ist, hat jedoch nicht nur mit seiner Leistungsfähigkeit zu tun, sondern auch mit seiner Persönlichkeit. In einer Szene, in der sich manch einer gar wichtig nimmt, hebt sich Hainz’ Bescheidenheit wohltuend ab. Er der von sich sagt, dass sein Beruf Bergführer sei und dass für ihn das Bergerlebnis mindestens so wichtig ist wie die Leistung, kokettiert nicht, ist glaubwürdig. Getreu seinem Motto: "Der Weg ist das Ziel, darum genieße jeden Schritt."
Wettkämpfe • 2006 3. Platz internationale Bergführermeisterschaften, Bad Tölz (D) • 2003 1.Platz Italienmeisterschaft Mixedklettern Rein in Taufers/Südtirol • 2003 1.Platz Italienmeisterschaft Mixedklettern Welsberg/Südtirol • 1994-2000 siebenfacher Gewinner des Nationalen und Internationalen Sportkletter-Cups der Berg- und Skiführer in Arco (I) und München (D) • 1996 3. Platz Regionalmeisterschaft Südtirol/Trentino, Bozen • 1996 9. Platz Italienmeisterschaft Sportklettern, Bozen • 1996 1. Platz Österreichische Meisterschaft der Berg- und Skiführer, Villach • 1995 1. Platz Südtiroler Sportkletterwettkampf, Bozen • 1995 14. Platz Italienmeisterschaft Sportklettern, Cortina d’Ampezzo (I)
Auszeichnungen • „Grignetta d’oro“ für den italienischen Bergsteiger des Jahres 1999 anlässlich des „Meeting della Montagna“ in Lecco (BG)
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