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Seite 1 von 2 Millionen Kinobesucher kennen ihn aus „Good Bye, Lenin!“. Jetzt zeigt er sich neben Benno Führmann, Johanna Wokalek und Ulrich Tukur in seinem ersten Bergfilm – „Nordwand“. Der Schauspieler Florian Lukas im exklusiven MONTE-Interview.
Als Erster die berühmt-berüchtigte Eiger Nordwand zu bezwingen – im Sommer 1936 ist das der Traum vieler Bergsteiger aus ganz Europa. Auch die beiden Berchtesgadener Kletter-Asse Toni Kurz (Benno Führmann) und Andi Hinterstoisser (Florian Lukas) kreisen um nichts anderes. Die beiden sind überzeugt, dass sie es schaffen können, auch wenn bereits zahlreiche Versuche in der „Mordwand" tödlich endeten. Doch mit der Erstbesteigung winkt nicht nur der ersehnte soziale Aufstieg, sondern auch olympisches Gold. MONTE: Herr Lukas, in „Good Bye, Lenin!" erhalten Sie als Berliner die DDR am Leben. Jetzt klettern Sie als Bayer plötzlich in Schwindel erregende Höhen. Keine Angst vor dem Absturz? Lukas: Warum sollte ich? Die Berge und das Bergsteigen haben mich eigentlich schon immer fasziniert, aber von Berlin aus sind sie doch ziemlich weit weg. Das Rollenangebot für „Nordwand" war wie ein Geschenk. Und ich habe mir ein ganzes Jahr Zeit genommen, mich auf die Berge und das Klettern vorzubereiten. In Kletterhallen Klettercamps und auf Reisen konnte ich mich herantasten. Ich wollte unbedingt Klettern lernen, aber lebensmüde bin ich nicht. Gerade in den Situationen um Leben und Tod spürt man doch am meisten, dass man lebt – und leben möchte, sonst würde es nicht solche Kräfte freisetzen, schier unmögliches zu tun.
MONTE: Und? Wie war die erste Begegnung mit dem Berg? Lukas: Das war gleich so eine Mehrseillängentour, 300, 400 Meter. Mit einem Einstieg, den ich niemanden empfehlen möchte. Ich habe zwar keine Höhenangst, aber wenn du bei 200, 300 Meter im Felsen stehst und bist noch nie in ein Seil gefallen, dann wird dir schon etwas mulmig. Ein Bergführer, der uns trainiert hat, hat uns von Anfang an in solche extremen Situationen gebracht. Das war gut, aber auch viel auf einmal. MONTE: Zu viel? Lukas: Bei den Vorbereitungen gab es jedenfalls heftige Situationen. Vor dem schrecklichen Unglück am Mont Blanc, bei dem bei einem Lawinenabgang in diesem Jahr acht Bergsteiger in den Tod gerissen wurden, haben wir genau den gleichen Hang komplett durchstiegen. Es hätte uns also auch treffen können. Es war wie ein Schock für mich, zu erkennen, wie untrainiert ich war. Deshalb wollte ich auch sehr gut vorbereitet sein für den Dreh. Das war ich auch und sogar noch besser für die Tour auf den Eiger. Ich hatte echt Versagensangst, obwohl ich nach ein paar Tagen gemerkt habe, dass ich eigentlich völlig übertrainiert war. Besser so als anders rum. Die Vorbereitung war insofern gut, als man erfahren hat, was Erschöpfung wirklich bedeutet, dass sie lebensbedrohlich sein kann, wenn du dich alleine im Gebirge befindest. Natürlich sind auch wir am Eiger über Stellen gelaufen, bei denen schnell Lawinen runter kommen können. Jeder wusste das. Das nimmt man in Kauf. Und wenn du da in eine Lawine kommst, hast du richtig Pech gehabt. MONTE: Sie waren ausgerüstet wie damals, 1936? Für einen Kletterlaien nicht gerade eine Arbeitserleichterung, oder? Lukas: Jedenfalls weiß ich jetzt die phantastische Ausrüstung zu schätzen, die man heutzutage hat. Allein die dynamischen Seile, die das Verletzungsrisiko minimieren. Die Hanfseile haben einem ja den Brustkorb zerquetscht und sonst wie verletzt. Wir haben auch viel experimentiert, um mit der Kälte klarzukommen. Wir hatten unter den authentischen Kostümen eine Art Spezial-Neoprenanzug, wie die Triathleten ihn tragen, sehr dünn, damit er nicht aufträgt. Denn wenn dir der Wind in Orkanstärke um die Nase weht, wird es schnell sehr kalt, schon nach ein paar Minuten, die man sich nicht bewegt. Man begreift, dass ein verlorener Handschuh ein Todesurteil sein kann. Als wir im Sommer noch einmal am Eiger waren, hatten wir nur dünnes Hightech-Material an, mit dem man es gut aushält, selbst bei minus 20 Grad gefühlter Temperatur. Bei der Szene, wo Andi und Toni biwakieren, wurde die Ausrüstung sogar richtig tiefgefroren, um anschaulich zu machen, wie hart der Biwaksack war. Spaß hat das denen bestimmt keinen gemacht, aber das war der Preis, den sie zahlen mussten. Die moderne Ausrüstung macht das Bergsteigen heute viel einfacher. Ich glaube, heute findet man kaum Leute, die noch die Einstellung haben, die man damals brauchte, um solche Extremtouren zu machen. Das sind Extremisten gewesen. MONTE: Extremismus klingt irgendwie nach Wahnsinn. War es also schlicht Wahnsinn, der den Andi Hinterstoisser, den Sie spielen, auf die Eiger Nordwand getrieben hat? Oder das olympische Gold? Oder die Propaganda der Nazis? Lukas: Schwer zu sagen. Heldentum war es jedenfalls nicht. Der Andi und der Toni sind zu Helden stilisert worden. Sie waren keine Parteimitglieder und haben sich den Befehlen widersetzt. Etwas anders, als im Film erzählt, hatten die beiden ein direktes Verbot, die Eiger Nordwand zu besteigen. Sie haben sich darüber hinweggesetzt und sind aus der Kaserne abgehauen. Nach dem Drama haben sie eine riesige Beerdigung bekommen. Aber wären sie nach dem Abbruch der Tour heil abgestiegen, hätten sie riesigen Ärger gekriegt. Sie sind zu Helden geworden, weil es in der damaligen Zeit so interpretiert wurde. Aber für mich? Sie wollen sich was beweisen und vielleicht der Welt. Richtige Helden tun was für andere. Das Bergsteigen ist dagegen eine recht egoistische Angelegenheit, die gerade noch den Seilpartner mit einschließt.
MONTE: Kein Wahn? Lukas: Ist es ein Wahn? Das weiß ich gar nicht. Denn Hinterstoisser und Co. waren hervorragende Bergsteiger und wenn sie nicht Pech mit dem Wetter gehabt hätten, hätten sie auch das Zeug dazu gehabt, es zu schaffen. Es war keine Selbstüberschätzung. Natürlich ist es ein wahnsinnig schmaler Grad, an die Grenze zu gehen, sie zu überschreiten und zu scheitern. Oder die Grenzen zu erweitern und Fähigkeiten bei sich zu entdecken, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. An der Grenze kannst du sehr gut leben, aber du kannst auch sehr schnell über die Klinge springen. Andi und Toni hätten nicht über die Grenzen ihrer Fähigkeiten gehen müssen, um die Nordwand zu schaffen. Es ist ja auch kurz später gelungen. Deshalb ist es kein Wahn. Wenn ich jetzt auf die Nordwand gucke mit meinem jetzigen Können, weiß ich, dass selbst ich es mithilfe eines Bergführers schaffen könnte. Aber ich hätte nicht den Wahn, neue Wege zu gehen und zum dritten Mal eine misslungene Route zu probieren. Das ist mir zu extrem. So wie es einem Furcht einflößt, weil man keine Ahnung hat, so ändert sich auch die Perspektive, wenn man sich damit beschäftigt hat. Was ich diesen Sommer gemacht habe, hätte ich letztes Jahr für kompletten Wahnsinn gehalten. MONTE: Der Film "Nordwand" ist auch eine Geschicht des Scheiterns. Ist Scheitern eine Chance? Lukas: Sicherlich kann Scheitern auch eine Chance sein. Doch in extremen Situationen am Berg darfst du dir keinen Fehler erlauben, das ist schlicht lebensgefährlich. Während der Vorbereitungen am Fuß der Nordwand treffen Toni und Andi überraschend auf Luise (Johanna Wokalek), Tonis Jugendliebe, die als Journalistin an der Seite des Nazi-treuen Reporters Arau (Ulrich Tukur) über die Erstbesteigung berichten soll. Toni liebt Luise immer noch, aber sie scheint dem charmanten Arau zu erliegen. Verzweifelt beginnt Toni mit Andi den Aufstieg in die Nordwand, dicht gefolgt von den beiden Österreichern Willy Angerer (Simon Schwarz) und Edi Rainer (Georg Friedrich). Zunächst läuft alles hervorragend und beide Seilschaften kommen schnell voran.
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